Zum autonomen Fahren
Leserbrief zum Artikel: „Laßt die Hände am Steuer”, von Herrn Prof. Dr. Nida - Rümelin in der FAS vom 17.7.2016, zum Artikel: „Volkes Stimme - Lieber selbst fahren” in der FAS vom 11.9.2016 und zum Artikel: „Tesla bessert seine Autopilotfunktion nach” in der FAZ vom 13.9.2016. (wurde weder von der FAS noch von der FAZ veröffentlicht)
Wer nicht einem primitiven und gedankenlosen Fortschrittsglauben erlegen ist, sondern seine Verantwortung für das Leben seiner Mitmenschen ernst nimmt, der kann den Ausführungen von Herrn Nida - Rümelin nur voll und ganz zustimmen. Mit zwingender Logik und Argumentation führt der Philosoph den Leser zu dem in der Überschrift genannten Ergebnis: „Laßt die Hände am Steuer”, und alle Politiker, Richter, Ingenieure und Konzernchefs sollten sich hüten, auch nur einen Deut von dieser Position abzuweichen. Ich möchte noch einen Gedanken hinzufügen:
Algorithmen, welche das Fahrzeug steuern, sind, wie Grundgesetze und Gesetze mathematischen Axiomensystemen in gewissem Sinne vergleichbar. Der Mathematiker David Hilbert hatte um etwa 1928 Forderungen aufgestellt, die ein Axiomensystem erfüllen müsse: Minimalität, Widerspruchsfreiheit, und Vollständigkeit. Inzwischen ist nachgewiesen, daß es nicht möglich ist, für ein gegebenes Axiomensystem auch nur eine dieser Forderungen als erfüllt nachzuweisen. Das heißt, daß wir davon ausgehen müssen, daß der Steueralgorithmus eines Fahrzeugs nicht alle möglichen Situationen des Straßenverkehrs berücksichtigen kann (Vollständigkeit), und daher der Fahrer notwendig ist, um ggf. sofort eingreifen zu können, ebenso, wie ein Gesetzestext nicht für alle möglichen und denkbaren Fälle eine Lösung haben kann, was u.a. auch einer der Gründe dafür ist, daß ein Richter nicht durch ein Computerprogramm ersetzt werden kann. Auch die Widerspruchsfreiheit des Algorithmus kann nicht als gegeben vorausgesetzt werden, was dazu führen kann, daß der Steueralgorithmus zwei sich widersprechende Signale gleichzeitig oder annähernd gleichzeitig an das Fahrzeug sendet, wodurch die gesamte Steuerung zusammenbrechen oder völlig falsch reagieren würde. Dieser Fall wird in der vor Jahren (noch in s/w) ausgestrahlten Fernsehserie „Raumschiff Orion”, Episode „Hüter des Gesetzes”, eindrucksvoll thematisiert.
Letztlich möchte ich noch auf eine irreführende Formulierung aufmerksam machen, die von anderen Autoren in Artikeln und Kommentaren zu diesem Thema verwendet wird: Man spricht oft von der Entscheidung zwischen Mensch (Fahrer) und Technik (Steueralgorithmus). Dies ist falsch, denn es ist eine Entscheidung zwischen Mensch (Fahrer) und Mensch (Programmierer). Will der Programmierer die Verantwortung für alle Folgen, auch gerade die negativen, die sein Programm hervorruft, auf seine Schultern nehmen?