Zum Thema: Ausbildung der Gymnasiallehrer
Nachdem das Kultusministerium Rheinland-Pfalz nicht nur angekündigt hatte, das Bologna-Modell auch auf die Lehrerausbildung anzuwenden, sondern auch, sozusagen als Vorstufe zum geplanten Einheitslehrer der Gesamtschule, die 6 Semester bis zum Bachelor als gemeinsames Studium für Lehramtskandidaten aller Schularten festzulegen, ist es Zeit, zu diesem groben Unfug und Horrorszenario einiges anzumerken, und einen anderen Vorschlag zur Ausbildung der Gymnasial-lehrer zu unterbreiten.
Zunächst einige Bemerkungen zum Bologna-Modell:
Da haben sich einige Politiker, nicht Fachleute, in der grundsätzlich durchaus löblichen Absicht zusammengesetzt, um einige Probleme des Studiums in Deutschland (und Europa), die unbestritten vorhanden sind, zu beseitigen oder zumindest zu mildern. Nun ist über den Unfug, der in Bologna ausgebrütet wurde, in Presse, Funk und Fernsehen von Fachleuten bereits genug gesagt worden, was deutlich macht, daß das Bologna-Modell auf den Müllhaufen gehört, so daß ich mich hier auf zwei wesentliche Aspekte beschränken möchte:
1.) Keines der Ziele, welche man vorgab erreichen zu wollen, ist erreicht worden, was auf das völlig verkorkste Grundkonzept zurückzuführen ist, und nicht etwa, wie von den Bologna - Strategen behauptet, auf die mangelhafte Umsetzung des (unbrauchbaren) Konzepts in die Praxis durch die Fachleute. In allen Problembereichen des Studiums, in denen man vorgab, Verbesserungen zu erzielen, haben sich im Gegenteil drastische Verschlechterungen ergeben.
2.) Einen weiteren Aspekt, der nach meiner Einschätzung einer der wichtigsten ist, möchte ich hervorheben: Bereits vor der Verkündung des Bologna-Modells hatte sich leider eine sehr bedauernswerte Entwicklung des Studiums in nahezu allen Fächern abgezeichnet: Die durchschnittliche Studiendauer verlängerte sich, aber das Studium besteht letztlich nur noch darin, in einer möglichst sinnvollen und überschaubaren Zeitspanne so schnell wie möglich alle erforderlichen Scheine zu machen, und so schnell wie nur irgenwie möglich das Diplom oder Examen abzulegen. Zeit für einen Blick über den Tellerrand, auch einmal in Vorlesungen oder Seminare anderer Fakultäten oder Studiengänge hineinzuschauen, fächerübergreifende Kolloquien zu besuchen, auch außerhalb der Lehrveranstaltungen mit Kommilitonen, wissenschaftlichen Mitarbeitern, Assistenten und Professoren zu diskutieren, bleibt nicht. Aber gerade dies ist der wesentlichste Aspekt des Studiums, daß es über den eigenen Pflichtbereich hinausgeht, und den Blick und den Geist nach allen Seiten hin öffnen kann. Davon ist heute in dem nahezu völlig verschulten Lehrbetrieb kaum noch die Rede, und dieser Betrieb verdient das Etikett „Studium” fast schon nicht mehr. Aber gerade diese ungute Entwicklung wurde durch das Bologna-Modell in erschreckender und geradezu autemberaubender Weise beschleunigt. Inzwischen kann vom Studium im ureigensten Sinne überhaupt nicht mehr gesprochen werden.
Die Fachleute an den Universitäten haben sich vielfach - zu Recht - von diesem unsinnigen System abgewendet, insbesondere im Bereich der Ingenieurwissenschaften. Denn gerade hier ist es erst recht unbegreiflich, warum man einen Abschluß, der unbestritten weltweit die höchste Achtung genießt und am höchsten anerkannt ist, einem zweifelhaften Modell geopfert hat. Doch wider alles Fachwissen haben die Politiker genauso reagiert, wie seinerzeit bei der Rechtschreibereform: Sie reagieren wie kleine Kinder, die sich unberechtigter Weise einer Sache bemächtigt haben, die ihnen nicht zusteht, diese Sache als Spielzeug verwenden, obwohl sie kein Spielzeug ist und sich hierzu auch nicht eignet, und die man ihnen nun wegnehmen will: „Uäähh!!!“ Wie soll man auch eine logische Argumentation von einer Konferenz erwarten, die seit ihrem Bestehen nur Schrott hervorgebracht hat, wenn nun das einzige „Vorzeigestück“ aus der Mottenkiste der vergessenen „68-er“ als letzter, verzweifelter Versuch, die Existenzberechtigung dieser Konferenz zu begründen, wie eine Seifenblase zerplatzt. Ebenso ist die Reaktion der „Kulturpolitiker” zu bewerten in Bezug auf das 8-jährige Gymnasium: Nachdem trotz massiver personeller und finanzieller Ausstattungen von „Versuchsschulen” alle diese Schulversuche bereits seit Jahrzehnten immer wieder gescheitert waren, hätte man eigentlich davon Abstand nehmen müssen. Statt dessen wurde mit aller Gewalt versucht, ein Modell, welches bisher im Praxisversuch vielfach gescheitert war, durchzusetzen. Aber das war zu erwarten: Hat schon je einmal ein Politiker zugegeben, daß etwas, was anfangs als „Versuch” deklariert war, gescheitert ist? Politiker sind beratungsresistent und wissen ohnehin alles besser, und diese Aussage scheint mir einen Wahrheitsgehalt zu haben, welcher der Allgemeingültigkeit von E = m⋅c2 sehr nahe kommt.
Kommen wir zurück zur Anwendung des Bologna-Modells auf die Lehrerausbildung in Rheinland-Pfalz, d.h. gemeinsames „Studium” der Lehramts - Studierenden für alle Schularten bis zum Bachelor: Sollen die Lehramtsstudenten für das Gymnasium z.B. in den Fächern Mathematik und Physik sechs Semester lang von Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern darin angeleitet werden, wie man einen Stuhlkreis bildet, um dann in vier Semestern Lineare Algebra, Analysis, Funktionentheorie, Numerik usw, sowie Experimentalphysik, physikalische Praktika, Mechanik und Elektrodynamik, Atom- und Kernphysik, das Standardmodell und die Relativitätstheorie usw studieren? Die vier Semester reichen gerade mal für Vektorrechnung, Kurvendiskussion und F = m⋅a, d.h. in der Praxis ist der Lehrer dann z.B. im Physik - Leistungskurs, wenn er Glück hat, im Buch eine Seite weiter als die Schüler. Am liebsten hätten diese sozialistischen „Kulturpolitiker” wohl den Einheitsprofessor, einsetzbar von der Kinderkrippe bis zum Teilchenbeschleuniger (Hiermit ist nicht der Toaster in der Küche der Mensa gemeint.). Die Idee eines Einheitslehrers ist aus denselben Gründen abwegig, mit denen ich bereits in einem anderen Text über die Notwendigkeit des gegliederten Schulsystems im Gegensatz zur Einheitsschule argumentiert habe. Zwei weitere Argumente müssen aber in Bezug auf die Gymnasiallehrer hervorgehoben werden:
1.) Der eine Punkt ist oben bereits angesprochen worden: Ein Lehrer, welcher keine ausreichende Fachkompetenz hat, wird von den Schülern nicht akzeptiert und nicht ernst genommen. Da kann er noch so viel Pädagogik und Didaktik studiert haben. Wenn Schülerfragen über den derzeitig behandelten Stoff oder über den Inhalt des Lehrbuches hinausgehen, darf der Lehrer nicht einfach passen. Das heißt nicht, daß er alle Schülerfragen beantworten kann. Diese Forderung wäre ohnehin prinzipiell unerfüllbar. Aber er muß in kompetenter Weise mit dem Schüler ein zumindest fachlich richtungsweisendes Gespräch über dessen Frage führen können und nicht wie „Bömmel” in Heinrich Spoerls „Feuerzangenbowle” einfach sagen: „Wat ne Kolben is, dat kann man nit explizieren, dat steht im Buch. Et steht überhaupt alles im Buch, wat ich saach, bloß nidde so schö.” Dieser Anspruch erfordert ein volles fachwissenschaftliches Studium, welches sich wenigstens annähernd am Anspruch des Diploms orientiert.
2.) Eines der wichtigsten Themen für Schüler ist die Studienberatung. Was soll ein Lehrer mit viersemestriger „Master” - Ausbildung z.B. einem Schüler sagen, der ihn fragt: „Ich trage mich mit dem Gedanken, Mathematik zu studieren, Studienziel: Diplom. Was kommt da alles auf mich zu?” Entweder sagt er wahrheitsgemäß; „Das weiß ich auch nicht”, was dem Schüler natürlich entscheidend weiterhilft, oder aber er redet sich heraus mit: „Etwas Gruppentheorie, etwas Vektorrechnung, etwas Analysis, und, wenn du willst, auch etwas Stochastik.”, und täuscht damit den Schüler über die tatsächlichen Anforderungen eines Diplom - Studienganges. In entsprechender Weise würde dann auch die Antwort im Fach Physik lauten. Im Falle der ersten Antwort könnte ein fähiger Schüler durch die Ungewißheit über das Studium davon abgehalten werden, gerade dieses Fach zu studieren. Ein anderer Schüler, der seine eigenen Fähigkeiten überschätzt, beginnt frohen Mutes das Studium und muß nach einer Zeit feststellen, daß dies nicht die richtige Wahl war. Im Falle der zweiten Antwort wird sich so mancher Schüler für das Fach entscheiden, weil er die Anforderungen des Studiums an den Studenten dank der unzutreffenden Antwort des Lehrers völlig falsch eingeschätzt hat. In den beiden letzten Fällen steigt damit die Zahl der Studienabbrecher. Aber gerade dies ist doch eines der Probleme, welches als eines der größten im Universitäts- und Hochschulbereich angesehen wird. Gerade dies Problem gab doch vor allem den Anstoß zu solchen Ideen wie der Bologna-„Reform”. Und genau dieses Problem wird durch die geplante Aushöhlung des wissenschaftlichen Studiums der angehenden Gymnasiallehrer entscheidend verschärft.
Nun beschweren sich die Hochschullehrer ohnehin schon zu Recht darüber, daß die Studienanfänger immer weniger Vorwissen und Allgemeinbildung mitbringen und die Hochschule oder Universität in den ersten Semestern das leisten muß, was eigentlich die Aufgabe der Oberstufe des Gymnasiums hätte sein müssen. Daher kann das Fazit nur lauten: Der Gymnasiallehrer muß in den Fächern, die er unterrichtet, ein volles fachwissenschaftliches Studium absolviert haben, was sich, wie gesagt, wenigstens in etwa am Diplom - Studiengang orientieren muß, und keinesfalls in vier Semestern bis zum „Master” erledigt sein kann.
Ein weiterer Punkt ist nicht nur die Länge des fachwissenschaftlichen Studiums, sondern, egal ob im bisherigen Studiengang oder im Bologna-Modell, die Qualität des Studiums. Es zeichnet sich ab, daß z.B. naturwissenschaftliche Studiengänge auch an Studienorten angeboten werden, an denen keine Forschung betrieben wird. Wissenschaftliche Lehre und Forschung gehören aber m.E. untrennbar zusammen, um ein hohes Niveau des wissenschaftlichen Studiums zu gewährleisten. Dies gilt nicht nur für das genannte Beispiel der Naturwissenschaften sondern für alle Fachbereiche. Wenn z.B. bei einem Gespräch unter Fremdsprachen - Studenten über einige Hochschullehrer gesagt wird, daß man sie während des ganzen Studiums nicht einen einzigen Satz in der betreffenden Fremdsprache habe reden hören, fragt man sich als Außenstehender schon, ob dies ein Zeichen für ein besonders hohes Niveau des betreffenden Instituts ist.
Nun wurde und wird zu Recht an der bisher praktizierten Weise der Gymnasiallehrerausbildung Kritik geübt:
Zu einem Gymnasiallehrer gehört nicht nur, wie oben bereits dargestellt, die notwendige fachwissenschaftliche Grundlage, sondern eben auch der Umgang mit den Schülern, d.h. er muß auch, im Unterschied zum Diplomanden, für die Arbeit an der Schule ausgebildet werden, sich also mit Fragen der Fachdidaktik und der Pädagogik auseinandersetzen. Dies geht jedoch nicht in der Theorie sondern nur in der Praxis! Gerade hier setzt meine Kritik am bisherigen Ausbildungsgang an:
Nachdem man gemerkt hat, daß ein zweiwöchiges und ein vierwöchiges Schulpraktikum einerseits keinesfalls ausreichen, um den Studenten an den Beruf heranzuführen und andererseits ihm auch keine Klarheit darüber verschaffen können, ob er für den Lehrerberuf geeignet ist oder nicht, hat man die Zahl der Praktika Schritt für Schritt erhöht, so daß die Schulen inzwischen erhebliche Schwierigkeiten haben, die Vielzahl der Praktikanten noch zusätzlich zu den Referendaren zu bewältigen. Da aber ein Praktikum immer nur wenige Wochen dauert, können die eigentlichen, oben genannten Ziele trotz Ausweitung der Praktika nicht erreicht werden. Der Student hat nur wenig Einblick in seinen späteren Beruf und seine persönliche Eignung für diesen bekommen. Er legt also sein wissenschaftliches Staatsexamen ab und kommt, wenn er Glück hat, als Referendar zum Studienseminar für das Lehramt an Gymnasien. Hier muß er zunächst feststellen, daß die fachwissenschaftliche Qualifikation der Fachleiter keinesfalls als selbstverständlich vorausgesetzt werden darf, sondern daß sie im Gegenteil in so manchem Fall äußerst mangelhaft bzw. ungenügend ist. Hinzu kommt, daß so mancher Fachleiter nur sehr wenige Jahre eigene Unterrichtserfahrung vorweisen kann. Der Referendar wird darüber belehrt, daß dies ja hier nicht zur Debatte stehe, denn hier solle er ja „Erziehungswissenschaften” lernen. Dabei ist dieser Begriff ein Widerspruch in sich. Zur „Wissenschaftlichkeit“ der Pädagogik möchte ich einen Mathematiker zu Wort kommen lassen: Prof. Dr. Herbert Meschkowski zitiert in seinem Buch: „Mathematik als Bildungsgrundlage“ (Braunschweig 1965/1973) seinerseits Felix Klein (Vortrag 1898 Düsseldorf, veröffentlicht in: Jahresberichte der Deutschen Math. – Vereinigung, Bd. 7, 1899, S 133):
„Soll ich mich im allgemeinen Sinne über Pädagogik äußern, so will ich folgende Betrachtung vorausschicken: Man kann das pädagogische Problem mathematisch formulieren, indem man die individuellen Qualitäten des Lehrers und seiner Schüler als ebensoviele Unbekannte einführt und nun verlangt, eine Funktion von (n+1) Variablen F(x0, x1 , .... , xn) unter gegebenen Nebenbedingungen zu einem Maximum zu machen. Ließe sich das Problem eines Tages entsprechend den bis dahin realisierten Fortschritten der psychologischen Wissenschaft direkt mathematisch behandeln, so wäre die (praktische) Pädagogik von da eine Wissenschaft, – solange das aber nicht der Fall ist, muß sie als Kunst gelten.“
Meschkowski bemerkt hierzu: „Das ist ein sehr freundlicher Satz über die Pädagogik, aber es ist möglich, daß ihn die Erziehungswissenschaftler nicht zu würdigen wissen.“
Diese Ausführungen von Felix Klein sowie den Kommentar von Herbert Meschkowski hierzu sollten sich alle Kulturpolitiker und alle sogenannten „Erziehungswissenschaftler“ zu Herzen nehmen!
Im Laufe der Referendarzeit kann sich nun möglicherweise herausstellen, daß der Referendar für das Lehramt ungeeignet ist. In manchen Fächern ist aber zu diesem späten Zeitpunkt das Ausweichen in andere Berufe oder Jobs kaum oder gar nicht möglich, so daß dann die Devise lautet: Augen zu und durch! Aber auch nach dem 2. Staatsexamen kann sich dies herausstellen. In beiden Fällen wird der neue Kollege dann zum „Wanderpreis”, der von einer Schule zur anderen weitergereicht wird. Wenn auch diese Praxis des "Wanderpreises" immer größere Ausmaße annimmt, erfindet man irgendeine neue unsinnige und komplett überflüssige Institution wie z.B. die "AQS", um die in der Praxis nicht einsetzbaren unkündbaren Beamten zu parken, und dies alles zu Lasten der engagiert arbeitenden praxisnahen und praxisfähigen Kollegen.
Doch will der Referendar sein 2. Staatsexamen nicht gefährden, so sollte er es tunlichst vermeiden, im Seminar Herbert Meschkowski und Felix Klein zu zitieren. Im Gegenteil: Er wird brav alle „erziehungswissenschaftlichen Erkenntnisse” und „Theorien”, welche die Fachleiter von vielen selbsternannten Pädagogik - Gurus, die selbst nie oder höchstens ein Jahr lang unterrichtet hatten, übernommen haben, nachbeten. Am höchsten gefährdet, oder geradezu fast unmöglich wird das 2. Staatsexamen, wenn ein Referendar bereits einige Zeit lang eigenverantwortlich Unterricht erteilt hat, eigene Erfahrungen gesammelt und sich mit Hilfe der älteren und erfahrenen Kollegen einen eigenen Stil und eine eigene Vorstellung vom Beruf erarbeitet hat. Noch schwerer hat es ein Seiteneinsteiger, da er naturgemäß älter ist als die Referendare, welche direkt nach dem 1. Staatsexamen die Referendarzeit beginnen. Solche Seminaristen kann man nicht wie kleine, dumme, unmündige Kinder behandeln, wie es so mancher Fachleiter gerne tut. Die Art und Weise, wie Fachleiter die Referendare behandeln, hatte einmal ein Kollege etwa so ausgedrückt: „Der Fachleiter fühlt sich wie der liebe Gott. Der Referendar ist für ihn ein Klumpen Lehm, welchen er nun mit seiner göttlichen Weisheit zu einem Lehrer formt. Dabei muß der Klumpen Lehm sich auch willig formen lassen und darf keine eigenen Formgebungswünsche erkennen lassen, damit dem lieben Gott sein Werk nachher auch gefällt, und er behaupten kann, nur er habe es vollbracht. Ist am Ende der Referendar ganz besonders artig, so überlegt sich der Fachleiter, ob er in seiner grenzenlosen göttlichen Gnade dem geformten Lehm auch eine Seele einhaucht, indem er ihm das 2. Staatsexamen zuerkennt.” Wehe dem Referendar, der bereits eine eigene Persönlichkeit, einen eigenen Stil und eine eigene Vorstellung von seinem Beruf mitbringt. Er könnte ja den Fachleiter überflüssig machen oder ihn gar überrunden. Das darf nicht sein! Wie läßt Richard Wagner in seinen „Meistersingern” den Hans Sachs im Gespräch mit Eva, kurz nach dem berühmten „Fliedermonolog” singen: „Mein Kind, für den ist alles verloren, und Meister wird der in keinem Land, denn wer als Meister geboren, der hat unter Meistern den schlimmsten Stand.” Sicher überstehen nicht alle Referendare unbeschadet und unverbogen das Studienseminar, in dem sie in 90% ihrer Zeit gezwungen sind, völlig realitätsferne, theoretische Ausarbeitungen zu machen, die in ihrem Umfang jeden sinnvollen Rahmen sprengen. Die Grundsituation im Seminar fördert aber keine selbständigen Persönlichkeiten sondern anpassungsfähige Jasager, welche dann später im Beruf auch in jeder Konferenz das Jasagen weiter pflegen, so daß Vorschläge oder Vorgaben der Schulleitung, der ADD und des Kultusministeriums reibungsfrei durchgewunken werden. Daher liegt die Erhaltung des Seminars in seiner bisherigen Form selbstverständlich im Interesse des Kultusministeriums.
Ich möchte nun einen eigenen Vorschlag zur Ausbildung der Gymnasiallehrer unterbreiten:
Der Student beginnt das Fachstudium in den von ihm gewählten Fächern. Spätestens nach dem zweiten Semester müßte er sich darüber klar geworden sein, ob er die Fächer richtig gewählt hat, oder ggf. seine Wahl noch einmal korrigiert.
Nach dem 2. Fachsemester absolviert er (an Stelle mehrerer einzelner, zu kurzer Praktika) ein ganzes Praxissemester an einem Gymnasium, d.h. ein ganzes Schulhalbjahr. Hier wird er in jedem seiner Fächer von einem Gymnasiallehrer als Mentor betreut. Die Bedingung, unter der ein Gymnasiallehrer als Mentor eingesetzt werden kann ist, daß er selbst mindestens zehn Jahre lang vollzeitlich unterrichtet hat, und daher genügend Erfahrung, insbesondere mit dem Alltagsdienst, der täglichen „Tretmühle” und der Machbarkeit von neuen Ideen gesammelt hat. Während des Praxissemesters soll der Student erproben können, inwieweit er in Unter- Mittel- und Oberstufe in der Lage ist, Unterricht vorzubereiten und zu erteilen, und dabei den Schulalltag mit allem, was dazu gehört, kennenlernen. Dabei ist es auch erforderlich, daß er auch Unterrichtsstunden ohne Anwesenheit des Mentors hält, und so schon früh die Situation in etwa kennenlernt, in der er später im Beruf einmal sein wird. Das wird ihm und den Mentoren helfen zu beurteilen, inwieweit er sich für den Lehrerberuf eignet. Am Ende des Praxissemesters setzt sich ein Gremium, bestehend aus den Mentoren, Fachkollegen, Schulleitung, evtl. auch einem Elternvertreter und einem Schülervertreter zusammen und beraten, ob dem Studenten empfohlen werden soll, weiterhin fürs Lehramt zu studieren. Für die Entscheidung wäre ein bestimmter Schlüssel für die einzelnen Stimmen festzulegen, in welchem den Stimmen der Mentoren sicher das größte Gewicht beigemessen werden muß, und es müßte ein deutlich positives Abstimmungsergebnis (deutliches Quorum, nicht etwa 51% : 49%) für die Empfehlung festgelegt werden. Damit es keine Gefälligkeitsgutachten gibt, wird festgelegt: Falls eine Schule einem Studenten nach diesem Praxissemester empfiehlt, das Studium für das Lehramt an Gymnasien fortzusetzen, muß diese Schule diesen Studenten nach bestandenem 2. Staatsexamen ggf. als Kollegen begrüßen und ihn dann auch als Kollegen behalten, und nicht versuchen, ihn an andere Schulen weiterzureichen, wenn sich Probleme ergeben. So könnte man die Zahl der „Wanderpreise” eindämmen. Wird dem Studenten nicht empfohlen, weiterhin den Lehrerberuf anzustreben, so kann sich dieser ohne Verlust der beiden ersten Fachsemester etwa für das Studienziel „Diplom” entscheiden, oder einen anderen Studiengang oder Ausbildungsweg wählen, was in diesem frühen Stadium des Studiums noch eben zu verkraften wäre. Möchte er trotz fehlender Empfehlung dennoch das Lehramt anstreben, kann er dies tun, wird aber dann, nach bestandenem 2. Staatsexamen, bei der Einstellung in den Schuldienst, auf der Warteliste hinter denen geführt, welche eine Empfehlung für das Lehramtsstudium hatten.
Der Student setzt nun sein wissenschaftliches Studium fort. Diejenigen Kenntnisse in Pädagogik und Psychologie, welche für seinen späteren Beruf wichtig sind und wirklich streng wissenschaftlich fundiert sind (nicht etwa ausufernde Phantasien von praxisfernen selbsternannten Pädagogik - Gurus), lassen sich neben dem wissenschaftlichen Studium in etwa 6 - 12 Semesterwochenstunden erarbeiten. (Vergleiche hierzu die o.a. Kommentare von Herbert Meschkowski und Felix Klein.)
Nach bestandenem wissenschaftlichen Staatsexamen findet die weitere Ausbildung zum Lehrer direkt in der Schule statt. Das Studienseminar für das Lehramt an Gymnasien wird wegen jahrzehntelang erwiesener Unfähigkeit und Unbrauchbarkeit (s.o.) geschlossen und ersatzlos gestrichen. Da der Referendar bereits vorher ein halbes Jahr Praxis in der Schule absolviert hat, beträgt die Referendarzeit eineinhalb Jahre. In dieser Zeit wird der Referendar wiederum von einem Mentor betreut, der ebenso wie der Mentor für das Praxissemester die Bedingung erfüllen muß, daß er selbst mindestens zehn Jahre lang vollzeitlich unterrichtet hat (s.o.). Um ihre Aufgaben wahrnehmen zu können, wird den Mentoren sowohl für die Betreuung von Studenten im Praxissemester als auch für die Betreuung von Referendaren eine entsprechende, ausreichende Reduzierung ihres Stundendeputats zuerkannt. Die nötigen personellen und finanziellen Umschichtungen ergeben sich aus dem aufgelösten Studienseminar. Die Praxis von benoteten Lehrproben und Examenslehrproben sowie das Erstellen einer Hausarbeit wird in vernünftigem, stark reduzierten Rahmen (Zahl der Lehrproben! / Umfang der Unterrichtsvorbereitungen!) übernommen. Zur Benotung der Facharbeit wird ein Fachkollege als Zweitkorrektor hinzugezogen, zu den Lehrproben zwei Fachkollegen, bei Examenslehrproben zusätzlich der Schulleiter und bei mindestens einer Examenslehrprobe zusätzlich ein Vertreter der Schulaufsichtsbehörde.
Bei Uneinigkeit über die Notengebung und gleicher Stimmenzahl entscheidet bei Examenslehrproben entweder der Schulleiter oder, falls anwesend, der Vertreter der Schulaufsichtsbehörde. Hat der Referendar das 2. Staatsexamen bestanden, kann ihm dann der Vertreter der Schulaufsichtsbehörde wie der Oberschulrat in Heinrich Spoerls „Feuerzangenbowle” eröffnen: „Danke, es genügt schon, Herr Kollege. Sie können sich in Kürze auf eine erfreuliche Mitteilung - - Mitteilung gefaßt machen.”
Hubert Burchert